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Samstag, 21. Oktober 2006
Angela
Von isabella1965, 19:11

Angela seufzte. Wieder nichts im Briefkasten außer Werbung, Bettelbriefen und einer Rechnung. Kein Brief von ihm. Seit vier Wochen hatte er nicht mehr geschrieben. Und dabei hatte es vor drei Monaten so gut angefangen mit ihrer Brieffreundschaft. Er schrieb so wunderschöne Briefe. Endlich glaubte sie, einen Menschen gefunden zu haben, der sie so nahm wie sie war, der sie schön und attraktiv fand und bei dem sie drauf und dran war, sich in ihn zu verlieben. Sie hatte sich schon ihre Zukunft mit ihm ausgemalt, war so voller Freude und noch ungläubigem Glück gewesen. So hatte sie es gewagt, sich ihm zu öffnen, ihm von ihren innersten Gedanken, Gefühlen und Träumen zu erzählen, sich ihm anzuvertrauen. Die Antwort war Schweigen. Auch auf ihre vorsichtige Nachfrage hin – nichts. Es war immer wieder das Gleiche. Sobald sie einen Menschen näher kennen lernte und anfing, sie ihm zu öffnen, wandte dieser sich von ihr ab. Wie oft schon hatte sie diese Enttäuschung erlebt. Gab es denn gar keine Hoffnung für sie? Traurig öffnete Angela die Tür zu ihrer kleinen Wohnung, räumte ihre Einkäufe weg, zog sich um und setzte sich auf ihr Bett.
Sie blickte auf das Jesusbild an der Wand. Herr, seufzte sie in ihrem Innern, soll das immer so weitergehen mit mir? Du weißt, wie sehr ich mich nach einem lieben Menschen an meiner Seite sehne, wie sehr ich mir wünsche, für jemanden da zu sein, ihn zu umsorgen und zu lieben. So gern wollte ich eine liebende Ehefrau und Mutter sein. Nun bin ich schon 41 Jahre alt und immer noch allein. Immer wieder höre ich von Seiten der Kirche, wie heilig und wichtig Ehe und Familie sind, wie wenig christliche Familien es gibt und wie wenig Kinder. So oft schon habe ich Dich angefleht, mir einen geeigneten Mann zu schicken und uns dann Kinder zu schenken. Ich wollte sie Dir weihen. Ich wollte sie im Glauben der Kirche erziehen. Vielleicht wäre ein Sohn von mir Priester geworden, eine Tochter Ordensschwester. Nichts hätte mich glücklicher gemacht. Hier bin ich, Herr, nimm mich, habe ich dir wieder und wieder angeboten. Und in meinem Herzen fühlte ich das Versprechen, dass du zu gegebener Zeit mein Gebet erhören würdest. So habe ich weiter gehofft und geglaubt; doch so langsam verlässt mich meine Hoffnung und mein Glaube, dass sich in dieser Beziehung in meinem Leben noch etwas bewegen wird. Ich bin so traurig und fühle mich so allein. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, da muss es dir doch möglich sein, mir einen von ihnen zum Mann zu geben, mich einem von ihnen zur Frau. Ich dachte, in Jürgen diesen Einen gefunden zu haben, doch nun scheint schon wieder alles aus zu sein. Er meldet sich nicht mehr. Was soll ich denn nur tun? Mir ist nicht an einer oberflächlichen Freundschaft gelegen, sondern an einer tiefen Beziehung, an wahrer Liebe und Treue zueinander. Ist denn eine solche Liebe für mich unmöglich? Schon als kleines Mädchen konnte ich mir nichts anderes im Leben vorstellen, als Ehefrau und Mutter zu sein. Das hielt ich für meine Berufung. Ich war mir sicher, mit Deiner Hilfe würde ich es schaffen. Du würdest ihn und mich zusammenführen und uns einander erkennen lassen. Es würde Liebe auf den ersten Blick sein, ganz bestimmt, und sie würde ewig halten. Ich glaubte so fest daran. Allen äußeren Umständen und gescheiterten Ehen vor Augen zum Trotz hielt ich an dieser Hoffnung fest. Für dich, Herr, ist ja nichts unmöglich. Hast Du nicht auch Abraham und Sara im Alter noch einen Sohn geschenkt? Oder Hanna und Elkana, Joachim und Elisabeth? Hast Du nicht durch den Engel Raphael Tobias und Sara zusammen geführt? Werden Ehen nicht im Himmel geschlossen, sind Kinder nicht Deine Geschenke? Woran also sollte es scheitern? An meiner Schwäche und Unfähigkeit? Mit meinem Gott springe ich über Mauern, auch über die Mauern meiner eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten. Ich musste nur Vertrauen haben. Und so ging ich meinen Weg und hoffte, ihm zu geeigneter Zeit zu begegnen.
Doch Jahr um Jahr verging und nichts geschah. Obwohl ich Dir immer wieder in den Ohren lag, weinte und flehte, wie die Witwe bei dem strengen Richter im Gleichnis. Du standest vor mir wie ein Fels, an dem meine Träume zerschellten. Was ich auch versuchte, Du ließest mich scheitern. Wenn es also die eheliche und mütterliche Liebe nicht war, was sonst könnte meine Aufgabe in diesem Leben sein? Eine Aufgabe, die mich wirklich erfüllte, die meinem Leben einen Sinn gab, die meinen Fähigkeiten entsprach und mit der ich anderen Menschen zum Segen werden konnte. Ich fand keine, ich taugte zu nichts. Meine Veranlagung, Schüchternheit, Menschenfurcht, immer wiederkehrende Depressionen, geringe Belastbarkeit... all das machte meine Versuche, dem Gefängnis meines Ich zu entkommen und in der Freiheit der Kinder Gottes Deine begeisterte Jüngerin zu sein, wieder und wieder zunichte. Herr, ich bin die unnütze Magd, ich bin zu nichts zu gebrauchen. Warum lässt Du mich dann nicht wenigstens sterben, wozu soll ich denn leben? Die Menschen halten es nur so lange in meiner Nähe aus, als ich ihnen nicht zu viel von meinem inneren Wesen offenbare. Ich bin wohl eine Zumutung für sie. Sie fliehen vor mir. Ich komme mir vor wie eine Aussätzige. Es berühre mich ja keiner, er könnte ja von mir infiziert werden. Aber womit denn? Ich weiß es nicht. Ich bin ratlos und zu Tode betrübt. Herr, bleibe Du bei mir, auch wenn sonst niemand bei mir bleiben will. Auch wenn ich es selbst manchmal nicht mehr bei mir aushalte. Und auch wenn ich Deine Nähe nicht fühle, glaube ich doch, dass Du da bist und mich niemals verlässt. Mitten in den Fetzen meiner zerplatzten Träume, meiner unerfüllten Hoffnungen und Wünsche, halte ich an Dir fest, Du mein Herr und mein Gott.

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